Von CARINA BÖDGER

"Trauer ist mehr als ein Zulassen (passiver) Gefühle,

sie ist eine lebendige psychische Auseinandersetzung mit der nicht mehr zu leugnenden Tatsache des Verlustes einer wichtigen Person", schreibt Hans Goldbrunner in dem Buch "Trauer und Beziehung". Die Auseinandersetzung mit der Trauer, dem Tod eines geliebten Menschen, ist bei vielen Deutschen noch immer ein Tabuthema. Was aber passiert mit den Betroffenen, wird ihnen ausreichend Hilfe bei der Bewältigung gegeben? Chris Paul, Trauerbegleiterin und Vorsitzende des Trauerinstitutes Deutschland e. V., empfindet das Angebot an Trauerbegleitung in der Gesellschaft als nicht befriedigend. "Es gibt
zwar schon zahlreiche Trauerhilfen, wie verschiedene Selbsthilfegruppen,
Trauerreisen, Formen der Einzelbegleitung oder diverse andere professionelle Hilfen zur Verarbeitung des Todes eines Menschen, jedoch
könnte diese Spanne an Angeboten noch verbreitert werden", äußert Paul
ihren Wunsch nach mehr Trauerbegleitung. Die Verarbeitung der Trauer in
den Familien, mit Verwandten und Angehörigen sieht für sie sehr
unterschiedlich aus. Oft gingen die Familien gut mit dieser Situation um,
teilweise könnten die Betroffenen hier aber auch überhaupt keine Hilfe
erwarten. Dieses sei dann nicht böse gemeint, sondern zeige nur eine
Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit diesem Thema gegenüber. Sowohl die
professionelle Begleitung, als auch die familiäre Hilfe hält Paul für
positiv. Vielen hilft es ihrer Meinung nach, wenn sie sich in Gruppen mit
Menschen treffen, die genauso empfinden wie sie selbst. Für Paul sieht
eine Verarbeitung der Trauer bei jedem Menschen individuell aus, da jeder
von ihnen eine andere Art hat, den Schmerz zu verarbeiten. Dr. Paul Becker von der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und
Lebensbeistand e.V. berichtet, daß es bis 1971 fast überhaupt keine
institutionelle Trauerarbeit gegeben habe, weil man sich damals um die
Angehörigen in einem Todesfall in der Öffentlichkeit nicht gekümmert habe.
Trauerarbeit ist nach Beckers Worten zu wenig verbreitet. Für ihn hapert
es noch an der Realisierung, da die Menschen sich nach dem Tod einer
geliebten Person oft verschlössen und keine Unterstützung zuließen.
Wichtig sei ein individueller Beistand, da es einen unterschiedlichen
Verarbeitungsmodus gäbe. Bei einigen dauere die Trauerphase ein paar
Wochen, bei anderen aber Jahre. Grundsätzlich zeigt sich Becker positiv
gegenüber einer Trauerarbeit innerhalb der Familie und Bekanntschaft. Es
sei jedoch sehr schwierig, bei nahem Kontakt, ohne Schuldgefühle zu wecken und Versäumnisse zu beschuldigen, eine gerechte Unterstützung bei der Verarbeitung des Verlustes zu sein.

Auch der Theologe und Solzialarbeiter Adolf Pfeiffer, Leiter der katholischen Erwachsenenbildung in der Region Koblenz und Betreuer von vielen Kursen zur Trauerarbeit, sieht ein ungeheures Defizit in der Trauerarbeit. "Aufgrund meiner Arbeit mit den Betroffenen in verschiedenen Kursen weiß ich, daß die Trauernden sich oft alleingelassen fühlen", macht Pfeiffer klar. Früher unterstützten bei einem Todesfall die Familie, Nachbarn, Freunde und Kollegen die Hinterbliebenen, heute dagegen werde die Trauer in der Öffentlichkeit eher unterdrückt, und eine Hilfe der Umgebung bleibe aus. Die kirchlichen Institutionen seien aufgrund von Personalmangel ebenfalls nicht mehr in der Lage, eine ausreichende Trauerhilfe zu leisten, erklärt Pfeiffer. Der Ansturm auf Angebote zur Trauerarbeit, sei es von Bestattungsinstituten, der Volkshochschule oder die Kurse der katholischen Erwachsenenbildung, ist ungeheuer groß. Jedoch greifen die Betroffenen auch oft zur Eigeninitiative und gründen Selbsthilfegruppen. Pfeiffer würde neue Rituale zur Trauer ebenfalls begrüßen. So führt er zum Beispiel die
Klagemauer als eine gute Form von Trauerarbeit an. Hier könnten die
Hinterbliebenen Briefe schreiben und Gebete sprechen, ohne daß jemand sie stört. Er glaubt, daß in der kommenden Zeit noch viel für die
Trauerverarbeitung getan werden muß.

Mit freundlicher Genehmigung von Carina Bödger, 2003

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