Miteinander in Kontakt treten und Trost finden
Neue Wege der Trauerbegleitung im Internet: Auf der Website www.trauer.org
finden Betroffene Rat und Hilfe
Von HERBERT SCHEURING
Koblenz Trauerseminare ermöglichen die Begegnung mit Menschen,
die ebenfalls den Tod einer geliebten Person beklagen, und zeigen
unter
fachkundiger Anleitung Wege durch die Trauer auf. Auf der Website
www.trauer.org gibt es nach Angaben des Bistums Trier das bundesweit
erste Online-Seminar für Trauernde. Es will Betroffene, unabhängig
von ihrem Heimatort, in einem Netz von Beziehungen auffangen.
"Das Leben geht weiter", hören Trauernde oft.
Das tut es zweifellos. Aber nicht für die Person, deren
Tod Trauernden großes Leid verursacht. Auch für Trauernde
selbst scheint das Leben oft nicht weiterzugehen. Sie sind nicht
nur allein, ohne den Menschen, der ihnen so viel bedeutet hat.
Sie fühlen sich oft auch von ihrer Umwelt alleingelassen.
Wenn sie mit ihrem Schmerz allein nicht fertig werden, suchen
viele Hilfe.
Adolf Pfeiffer ist Regionalreferent für Erwachsenenbildung
im Bistum Trier. Die Trauerbegleitung ist seit 15 Jahren Schwerpunkt
seiner Tätigkeit. Der
63-jährige Diplomtheologe und Sozialarbeiter wird immer wieder
um Rat
gefragt _ von Trauernden, die nicht mehr weiter wissen. Seit langem
schon
vermittelt er Betroffenen in dem Seminar "Einen geliebten
Menschen
verlieren" Orientierung _ damit sie ihre Gefühle einordnen
können und
lernen, das Leben wieder anzunehmen.
Sein Sohn brachte Pfeiffer schließlich auf die Idee, das
Beratungsangebot auch im Internet publik zu machen. Schritt für
Schritt entwickelte sich die Website www.trauer.org, die "Lebens-,
Sterbe- und Trauerbegleitung" anbietet. Zuerst waren dort
nur Informationen, Hinweise auf Gesprächskreise und andere
Hilfsangebote zu finden. Dann kamen Buchempfehlungen, tröstende
Worte, Gedichte und andere Texte für Trauernde hinzu. Später
entstand ein Forum, in dem jeder
von seiner Trauer erzählen konnte. Und plötzlich wurde
alles sehr
lebendig, erinnert sich Adolf Pfeiffer. "Die Teilnehmer traten
miteinander
in Kontakt, berichteten von ihrem Verlust und versuchten, einander
Trost
zu spenden." Es gibt so vieles, was verbindet, auch wenn
man glaubt, man
sei ganz alleine. "Für Trauernde ist die Begegnung mit
Menschen, die die
gleiche Situation durchleben, ganz wichtig", hat Pfeiffer
erfahren.
So entstand die Idee, diese Form der Kommunikation weiter zu
entwickeln.
Neben dem Forum für Trauernde richtete Pfeiffer eine Plattform
ein, auf
der Hinterbliebene Briefe an Verstorbene schreiben können,
um etwas von
sich und dem Menschen, um den sie trauern, zu erzählen. Zahlreiche
dieser sehr bewegenden Dokumente sind mittlerweile auf www.trauer.org
nachzulesen. Eine weitere Möglichkeit, der Trauer Worte zu
geben, ist die
Klagemauer. "Der Schmerz muss heraus, sonst ersticken Sie
daran. So viele Gefühle erdrücken Sie fast. Das, was
geschehen ist, ist so unbegreiflich, so unfair. Sie sind wütend,
zornig, enttäuscht über Menschen, über Gott",
heißt es in der Einleitung zu diesem Bereich der Website:
"Die Klagemauer kann helfen, all das auszudrücken. Nutzen
Sie die Klagemauer, um alle Ihre Warum-Fragen auszudrücken."
Viele Betroffene nutzen diese Möglichkeit. Doch gibt es
kein direktes Gegenüber. Kann diese Form der Klage trotzdem
helfen?
"Ja", meint Pfeiffer, "das hat den Sinn, dass
Trauernde, wie bei
der Klagemauer in Jerusalem, ihre Not schriftlich festhalten und
der
Klagemauer überantworten können. Dass sie ihre Wut und
Verzweiflung heraus schreien können. Manchmal meint man,
richtige Schreie zu hören. Oft antworte ich dann auch."
Aufgrund dieser intensiven Begegnungen im Netz und häufiger
Nachfragen entschloss sich Pfeiffer schließlich, erstmalig
im deutschsprachigen Raum ein Trauerseminar im Internet anzubieten.
Es
orientiert sich an dem Seminar "Zeiten der Trauer - Zeiten
des Lebens",
das Pfeiffer auch in der Form direkter Begegnungen in Koblenz
anbietet,
und erstreckt sich im monatlichen Rhythmus ebenfalls über
ein Jahr.
Trauernde können hier durch Chat, E-Mail und ein geschütztes
Forum
miteinander in Verbindung treten. Einmal im Monat werden im Netz
Gespräche über Fortschritte und Probleme im Trauerprozess
geführt. Pfeiffer stellt den Teilnehmern Informationsmaterialien
zur Verfügung und gibt Anregungen, sich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen.
Wegen des großen Interesses hat Pfeiffer zwei Monate nach
Beginn des ersten bereits ein zweites Seminar gestartet.
"Ich konnte es mir anfangs nicht richtig vorstellen, aber
es funktioniert", sagt Pfeiffer. Der 63-Jährige betont,
dass die Kommunikation im Internet persönliche Gespräche
nicht ersetzen kann. Aber er sieht auch deutliche Vorteile in
ihr. "Viele haben keine Angst, auf dieser Ebene zu kommunizieren",
sagt er: "Die Schwellenangst ist bei weitem nicht so groß."
Die Anonymität könne in dieser Situation ein Schutz
sein. Teilnehmer seien, anders als in einem Seminarraum, eher
bereit, sich zu öffnen. "Sie kommen meist schnell auf
das zu sprechen, was sie bewegt, ängstigt, bedrückt."
Und noch etwas komme hinzu: Trauernde können sich im
Schutz der eigenen vier Wände mitteilen, müssen nirgendwo
hinfahren,
können jederzeit ein Signal aussenden, sich aber auch zurückziehen,
wenn
ihnen danach ist. Welche Menschen spricht die Trauerbegleitung
im Internet an?
"Willkommen ist jeder", sagt Pfeiffer, aber es seien
zum großen Teil
jüngere Menschen, die auf diese Weise Kontakt suchen. Besonders
bei den
"Briefen an Verstorbene" oder der "Klagemauer"
seien Jugendliche stark
vertreten. Eine 13-jährige Schülerin zum Beispiel schrieb
einen bewegenden Nachruf auf ihren Bruder, der bei einem Autounfall
ums Leben kam und den sie so sehr vermisst.
"Das Internet ist eine Chance", sagt Pfeiffer.
"Jugendliche haben oft das dringende Bedürfnis, ihre
Trauer auszudrücken.
Und sie haben meist keine Scheu, mit diesem Medium umzugehen."
So öffnet das Internet Jugendlichen, aber auch vielen anderen
Menschen, die sonst vielleicht keinen Ort für ihre Trauer
hätten, neue Türen. Es kann das
Bewusstsein vermitteln, nach einem schweren Verlust mit diesem
Schicksal nicht allein zu sein. Und es kann dazu beitragen, gemeinsam
mit anderen wieder eine Perspektive zu finden, damit das Leben
wirklich weitergeht.
Information im Internet:
www.trauer.org
erschienen in der Mainpost am 13.11.03 Mit freundlicher Genehmigung
von Herbert Scheuering.
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