... NICHTS
IST MEHR SO WIE ES WAR !
...
2. Teil des Trauertagebuches
Hans durfte vorzeitig aus dem Krankenhaus
nach Hause kommen und somit packten wir seine Sachen.
Es folgten neue Untersuchungen, dann eine aufwendige PET-Untersuchung,
die zu 99 % den Primärtumor ausfindig machen sollte.
Aber außer 2-3 (war nicht genau zu erkennen) Metastasen,
die noch am Hals stehen geblieben waren, gab es kein Ergebnis.
Nun folgten quälende Gespräche mit dem Hausarzt,
Radiologen, Onkologen, Chirurgen, ob neue OP oder nicht.
Die Entscheidung fällte dann der Radiologe, der zu
bedenken gab, dass Hans entstellt sei, oder verwirrt oder
gelähmt und somit der Primärtumor auch noch nicht
gefunden sei. Hans entschied sich gegen die Nach-OP, da
er nicht als Krüppel rumlaufen wolle und das seiner
Familie nicht antun würde.
Somit begann sieben Tage vor Weihnachten eine Chemo stationär
im Krankenhaus, anschließend vierzig Bestrahlungen
mit höchster Dosis, da man ja den Primärtumor
nicht gefunden hatte und somit der gesamte Kopf bestrahlt
werden musste.
Anschließend folgte eine Chemo, die aber wegen überfüllten
Betten ambulant durchgeführt wurde.
Bestrahlung und Chemo waren nun gut überstanden. Sechs
Wochen Bangen fingen jetzt an, da man erst nach dieser Zeit
eine Diagnose stellen konnte. Auf den 10.04.2002 war der
Termin zur Nachuntersuchung festgelegt.
Nach einigen Wochen jedoch bekam Hans Schmerzen in der
rechten Gesichtshälfte, konnte immer schlechter hören
und bemerkte einen erbsengroßen Knoten an der linken
Schulter. Ich habe ihn getröstet und gesagt, das ist
alles von der Bestrahlung, es wird alles wieder gut. Du
musst nur Geduld haben.
Die haben mich kaputtgestrahlt, waren seine Worte. Es begann
eine schlimme Zeit. Der Hals innen war verbrannt, Geschmack
und Speichel waren nicht mehr vorhanden. Es kam eine schmerzhafte
Pilzerkrankung dazu. Essen bereitete ihm Schmerzen. Durch
Schwindel und Gleichgewichtsstörungen ist er zweimal
nachts auf der Toilette gefallen. Einmal war das Nasenbein
gebrochen, das andere Mal hatte er sich die Lippe blutig
geschlagen. Der HNO Arzt machte eine Endoskopie, kam aber
dabei nicht weiter und stieß auf Widerstand.
Warten Sie bis zur Nachuntersuchung, die stellen mehr fest,
sagte er.
Die Diagnose in der Onkologie am 10.04.2002 ergab: Schmerzen
müssen abgeklärt werden und erbsengroßer
Knoten, bei dem Krankheitsbild, kann nur bösartig sein.
Es folgten CTs, MRTs, Röntgenaufnahmen, Untersuchungen
- alles wieder von Neuem.
Nun kam das Ergebnis: --- Siebbeinkarzinom in Schädelbasis
infiltriert ---.
Der HNO Arzt packte uns beide an der Schulter und sagte:
"Jetzt hilft nur noch beten, tut mir leid."
Erneuter Termin in der Onkologie ergab: Keine OP möglich,
Tumor kann bestrahlt werden aber nicht entfernt, wird wieder
nachwachsen. Verordnung CT und Anfertigung einer neuen Maske
zur Bestrahlung.
Es folgte großes Schweigen.
Zu Hause angekommen, ging Hans ins Wohnzimmer. Ich folgte
ihm und wir saßen gemeinsam auf der Couch.
"Was kann ich für Dich tun?" war meine Frage.
- Keine Antwort. -
Nach geraumer Zeit sagte er ganz ruhig. "Du musst
hier alles zusammenhalten, Du hast zwar die Kinder, aber
letztlich bist Du allein."
Diese drei Sätze beinhalten alles was Abschiednehmen
heißt. Wir haben geschwiegen und alles über das
Sterben war gesprochen - ohne Worte. Nach 35 gemeinsamen
Ehejahren brauchte es keiner weiteren Erklärungen.
Ich könnte von jedem Satz ein kleines Buch schreiben,
was Hans mir hiermit auf den Weg gegeben hat.
Am nächsten Tag kam ein Anruf von der Onkologie. Es
war ein Termin in der Uniklinik gemacht worden. Uniklinik
HNO am Freitag, den 19.04.2002, 10.00 Uhr.
Neue Hoffnung !
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