... NICHTS
IST MEHR SO WIE ES WAR !
...
3. Teil des Trauertagebuches
Wir fuhren mit der Taxe. Es folgten Untersuchungen,
Endoskopien, die sehr schmerzhaft waren. Hans krallte sich
mit den Händen im Sessel fest, zumal ja das Nasenbein
vom Sturz schon verletzt war. Blutabnahmen, unendlich viel
Ampullen, dass ich dachte, Hans kann jetzt bald kein Blut
mehr im Körper haben, Röntgenaufnahmen - ohne
enden zu wollen. Erschöpft und ausgelaucht mussten
wir noch zur Augenklinik wegen des Grauschleiers am rechten
Auge. Wieder endloses Warten, da nur noch Notdienstbereitschaft
(Freitagnachmittag war. Nach langem Überprüfen
wurde festgestellt, dass kein Tumor auf die Augen drückte,
es lediglich der Beginn des grauen Stars sein sollte. Wieder
zurück in die HNO Klinik wurde der Befund von den Oberärzten
freudig begrüßt, dass kein Tumorgeschehen am
Auge vorlag. Wir waren viel zu erschöpft, um uns darüber
zu freuen. Hans sollte nun sofort in der Uniklinik bleiben.
Wir bestanden darauf, zumal Wochenende war, nach Hause zu
fahren, um die Tasche zu packen.
Aufnahme am 22.04.2002 in der HNO Klinik.
Da man vermutete, dass auch gutartiges Gewebe bzw. Verschleimungen
vorhanden waren, wollte man eine Gewebeprobe entnehmen.
Man sprach von 4-5 Tagen. Am 29.04.2002 dann OP unter Beratung
von einem Professor. Es wurde ein Loch in die Nasenscheidewand
gebohrt, um Gewebe zu entnehmen. Gleichzeitig wurde eine
Drainage ins rechte Ohr gelegt, um die Taubheit und das
schlechte Hören zu verbessern.
Es war eine mehrstündige OP. Außer Schmerzen
und ellenlangen Tampons in der Nase hatte Hans auch diese
OP gut überstanden.
Wieder Warten auf Befund.
- Endlich -
Diagnose: unauffälliges Gewebe, im Grenzbereich. Ich
fragte den Arzt: "Kann man sich darüber freuen?"
Er gab zur Antwort: "Man kann sich immer freuen."
Nur Hans war immer zurückhaltend und sagte immer wieder:
"Diese Widrigkeiten machen mir angst."
Wieder Warten auf neue Maßnahmen. Die Ärzte von
der Neurochirurgie sollten nun weiter entscheiden.
Neue Besprechungen. Neues Warten.
Am 15.05.2002 wurde Hans entlassen aus der HNO und musste
sich Donnerstag, den 23.05.2002 in der Neurochirurgie aufnehmen
lassen. Wieder unendliches Warten. Nach mehrmaligem Melden,
Hans war geschwächt und konnte kaum noch sitzen, begannen
nach etlichen Stunden wieder neue Untersuchungen, Blutabnahmen,
Röntgen, CTs, alles wieder von vorne. Erzählen
Sie, was Sie für Beschwerden haben, hieß es.
Es platzte uns bald der Kragen.
Hans sah seit Mittwochnachmittag jetzt Doppelbilder, er
hatte ein Taubheitsgefühl über der rechten Gesichtshälfte,
Schwindel und Appetitlosigkeit traten auf.
Am Montag, den 27.05.2002 mehrstündige OP mit dem
Team aus HNO und Neurochirurgie. Es wurde der Kiefer aufgebohrt,
ein Implantat eingesetzt und ein Teil des Tumors entfernt.
Am 29.05.2002 wurde Hans wieder in die HNO verlegt, zur
Weiterbehandlung. Aber auch diese OP hat er gut überstanden.
Er ließ sich nicht hängen, nicht unterkriegen.
Er war wie ein Stehaufmännchen. Wieder erbarmungsloses
Warten auf den Befund. Hans beklagte sich darüber,
dass er nur noch schwarz-weiß sehe und einen schwarzen
Balken. Am 03.06.2002 brachte man ihn in die Augenklinik.
Man stand vor einem Rätsel.
Am Abend klingelte das Telefon und Hans teilte mir mit
einer erstaunlichen Ruhe mit: "Ich bin auf dem rechten
Auge blind".
Ich war am Boden zerstört.
Ich habe die Kinder benachrichtigt und wir haben dann gemeinsam
bis in die Nacht nach Rat gesucht. Es folgten stundenlange
Telefonate mit der Hotline der Krankenkasse.
Wir vereinbarten einen Arzttermin in der Klinik.
Inzwischen war eine hohe Dosis Kortison verordnet worden.
Am Dienstag, 04.06.2002 erfuhren die Kinder dann vom Arzt
(ich hatte keine Kraft mehr und wollte das Ergebnis lieber
von den Kindern hören als selbst) das durch Fax angeforderte
Ergebnis: Primärtumor gefunden. Strahlensensibel. Wir
waren überglücklich. Weitermachen, hieß
es.
Am 05.06.2002 sollte eine neue Maske angefertigt werden.
Hans wurde zur Strahlenabteilung gefahren und wieder weggeschickt.
Man hatte ihm wohl gesagt, dass es keinen Zweck habe. Er
hat es mir nur versteckt gesagt. Ich habe ihm immer wieder
Mut gemacht und geantwortet: "Das kann nur der liebe
Gott entscheiden und kein Arzt der Welt." Ich habe
ihm gesagt, ich habe soviel gebetet, es kann nicht umsonst
gewesen sein. Der liebe Gott hat es mir versprochen. Du
schafftest es.
Hans hat mir nie darauf geantwortet.
Nächster
Teil
Dieser Beitrag ist
Teil des Angebotes von www.trauer.org. Er ist urheberrechtlich
geschützt. Weitergabe oder Veröffentlichung nur
nach vorheriger Zustimmung durch den Autor. (c) 2003 trauer.org
|