... NICHTS
IST MEHR SO WIE ES WAR !
...
6. Teil des Trauertagebuches
Wenn er schon nicht mehr nach Hause konnte,
sollte er sich durch uns wie zu Hause fühlen.
Wir richteten uns auf die Nacht ein, d.h. der Raum war viel
zu eng, um darin einigermaßen zu übernachten.
Wir stellten Stühle zusammen. Der Sohn legte sich auf
die Erde mit dem Kopf auf die gepackte Tasche von Hans.
Jede Minute praktisch beobachteten wir den Monitor und freuten
uns über jeden stabilen Wert. Erschöpft schliefen
wir tagsüber mit den Köpfen auf seinem Bett, ohne
seine Hände loszulassen. Nur einmal erinnere ich mich,
hatten wir für einen Moment die Hände nicht gehalten,
er merkte es sofort, tastete und suchte unruhig. Es ist
alles gut, sagte ich, wir sind alle da. Ich ergriff seine
Hand und Hans war zufrieden.
Angsterfüllt folgte eine weitere Nacht. Die Werte
wurden immer schlechter, der Blutdruck ging runter, der
Pulsschlag hoch. Er kämpfte und kämpfte. Er wollte
nicht sterben.
Das Wasser im Körper stieg immer weiter an. Zum Schluss
war der Körper so geschwollen, dass schon Gewebswasser
aus der Haut trat. Der Arzt bestätigte eine Thrombose,
typisch für Tumorerkrankungen.
Die Situation war unerträglich geworden.
Am Donnerstag, den 18.07.2002 gegen 3 Uhr nachmittags, beschloss
ich, nachdem die Kinder in der Kantine gegessen hatten,
auch etwas zu essen und mal einen heißen Kaffee zu
trinken.
Wie von unsichtbarer Hand geleitet - ich hatte es nicht
vor - ging ich anschließend in die Kapelle. Mit tränenerstickter
Stimme betete ich zur Gottesmutter um eine gute Aufnahme
in den Himmel.
Ich musste Hans loslassen.
Eilig ging ich wieder zum Aufzug über den von mir
so gehassten Teppichboden der Uniklinik.
Ich beugte mich über Hans und erblickte ein friedvolles,
von Schmerzen gelöstes Gesicht. Das verzerrte Gesicht
vom erblindeten und entstellten Auge war nicht mehr vorhanden.
Es war keine Einbildung.
Nach einer Zeit fragte mich unser Sohn: "Warst Du in
der Kapelle? Wir haben in der Zeit, wo Du wegwarst zueinander
gesagt: der Papa schläft wie zu Hause auf der Couch,
als wäre er gesund."
Wir beteten laut und gemeinsam mit ihm. Wir waren von einer
erstaunlichen Ruhe erfüllt, getragen von einer uns
nicht zu erklärenden Kraft. Hans schlief fest und ruhig.
Bisher hatten wir uns noch keinerlei Gedanken über
Todesanzeige, Beerdigung usw. gemacht, bzw. alles immer
verdrängt. Jetzt war es Wirklichkeit geworden.
Eine Gedankeneingebung ließ mich sagen: "Der
Papa hat mir gerade seinen Spruch gesagt."
- Herr , bleibe bei uns, denn es will Abend werden und
der Tag hat sich geneigt -
Ich habe gesagt, ich wünsche mir, und ich weiß
es auch, dass Papa in den frühen Abendstunden stirbt.
Auf der Intensivstation hing ein Bild. Drei Tage sind wir
daran vorbeigelaufen und haben es betrachtet und einstimmig
gesagt, wie kann man nur so ein Bild hierhin hängen.
Es waren wohl mehrere Eisblöcke umgeben von Wasser.
Auf einmal begannen wir das Bild zu deuten.
Wir erkannten ein liegendes Gesicht, schmerzverzerrt, aus
dessen Stirn ein nicht endendes Gewächs herausquoll,
was von einem Arm über eine Fratze herausgezogen wurde.
Gleichzeitig erkannten wir in dem liegenden Gesicht ein
zweites fauchendes Gesicht, welches sich mit der Fratze
bekämpfte. Nach einer Weile erschien ein liebliches
friedvolles Antlitz, das nach oben schaute durch einen Tunnel
in ein helles Licht, der einzige weiße Fleck auf diesem
Bild. Es war schon erstaunlich, dass wir alle drei unabhängig
voneinander die gleichen Bilder erkannten. Erst wollten
wir das Bild mitnehmen, aber dann wieder nicht. Es war ein
Kampf, der vorüber war, übergegangen in eine uns
verborgene Welt.
Drei Tage hatte es fürchterlich geregnet. Die Großbaustelle,
die wir aus dem Fenster sehen konnten, versank im Regenwasser.
Hans schlief noch fest und friedlich. Es war Abend geworden.
Der Arzt kam und sagte: "Gleich hat es Ihr Mann überstanden".
Um 9.09 Uhr ist Hans uns vorausgegangen, friedlich eingeschlafen.
Das Ticken, Piepsen, Rufen und Laufen auf der Intensivstation
war mit einem Mal verstummt. Man konnte eine Stecknadel
fallen hören. Wo war der Krach? Die Welt stand still.
Es war einfach nur noch still.
Alles hatte Hans nicht ohne Ordnung gemacht, wie in seinem
ganzen Leben. Am 09.09. um 9.09 Uhr geboren, um 9.09 Uhr
gestorben. An einem Donnerstag, zum Andenken an beide Kinder,
die an einem Donnerstag geboren sind. 9 Monate hat er gebraucht
um zu sterben, die Zeit für ein Kind zu wachsen, um
geboren zu werden.
Beim letzten Atemzug durchbrach die Sonne den Abendhimmel
und schien auf das Gesicht von Hans, das uns so vertraut
war.
Wir baten den Arzt, ihn von seiner Maske zu befreien. Wir
erschraken und sahen tiefe, blutgefüllte Furchen, die
die Maske hinterlassen hatte. Sein Mund war geöffnet
und wir erkannten jetzt erst richtig, welche Schmerzen Hans
wirklich gelitten haben musste. Die Zunge war gequollen,
zerkrustet, in Fetzen zerbissen, wie der gesamte Mundraum.
Das war nur der Teil, den wir sehen konnten. Wie uns die
Ärzte bestätigten, war der Tumor schon bis in
die Kieferknochen gefressen, ins Rückenmark und ins
Gehirn. Sie sagten, dass der Hals-Kopf-Krebs Schmerzen verursache
bis zum irrewerden.
Hans war so tapfer und so stark. Wir waren stolz auf ihn.
Er hat uns alle wunderbar getragen und uns unerklärliche
Kraft verliehen. Unser Sohn und ich haben Hans etwas das
Kinn angehoben. Er hat uns angelächelt. Wir haben uns
in Würde von ihm verabschiedet. Seine Würde zu
sterben hat uns getragen bis über den Tod hinaus.
Ich stand noch am Fenster und sah wie eine Schwalbe aus
östlicher Richtung in den Westen flog. Es sollte eine
Bedeutung haben, die mir erst später klar wurde.
In den Wochen des Bangens und Hoffens bat ich den lieben
Gott um einen Traum.
Ich sah einen Schwarm von ca. 25-30 Schwalben am Himmel,
angeführt von einem großen, mir unbekannten Vogel.
Es war ein friedliches Miteinander, Fliegen in großer
Ausgelassenheit. Ein wenig enttäuscht sagte ich, lieber
Gott, damit kann ich nichts anfangen. Der Traum kam mir
aber immer wieder in den Kopf.
Erst unser Enkelkind hat mich auf die Lösung gebracht.
Ich hatte sie zu Hause auf dem Arm und ging mit ihr bei
strahlendem Sonnenschein durch den von Hans so geliebten
Garten. Sie sagte zu mir "Opa suchen". Ich erklärte
ihr, dass der Opa dort oben im Himmel sei. Wir schauten
hoch und Schwalben flogen vorbei. Das war es, jetzt wurde
auf einmal alles so klar. Wenn es stimmt, was mein Bruder
(er war Naturwissenschaftler und beschäftigte sich
mit der Forschung) einmal vor langer Zeit zu mir gesagt
hat: "Gott ist eine Sekunde in der Zukunft, für
uns unerreichbar, aber trotzdem ganz nah", dann hat
die Abendschwalbe an der Uniklinik die Seele von Hans in
die Zukunft getragen zu dem Schwalbenschwarm der auf ihn
wartete -ausgelassen und friedvoll, angeführt von Gott
in der Form eines unbekannten Vogels - das Erlebnis meines
Traumes.
Ich weiß, wenn ich eine Schwalbe am Himmel sehe, ist
es ein Gruß von Hans und er ist in meiner Nähe.
Der Arzt in der Uniklinik verabschiedete uns und sagte:
"Ein wichtiges Familienmitglied ist nicht mehr bei
Ihnen, aber Sie waren eine tolle Familie." Ich sagte
zu den Kindern: "Es fällt mir nicht schwer, den
Papa hier zu lassen, das ist nur die menschliche Hülle,
wir nehmen ihn ja mit und er ist bei uns."
Wir fuhren in der Nacht nach Hause - getragen von einer
wunderbaren Kraft, die wir eigentlich auch die ganze Zeit
auf der Intensivstation erfahren haben. Wenn wir bei Hans
waren ging es uns gut.
Wir wollten Hans nun eine schöne Beerdigung bereiten.
Allerdings sollte sich der Satz, den Hans immer wieder in
seinem Laben gesagt hatte - bei mir klappt alles erst beim
dritten Anlauf - bewahrheiten. Egal ob es das Sarggesteck
und der Kranz waren - wobei ich gerne die Blumen unseres
Brautstraußes (Usambara-Veilchen und weiße Freesien)
wollte, was sich sehr schwierig gestaltete oder der Friedhofsplatz,
der sich in letzter Sekunde noch korrigieren ließ
oder die Messe die total verspätet anfing, da der Priester
im Stau stand, alles erst beim dritten Anlauf.
Der Spruch, den mir eine innere Stimme gesagt hatte, von
dem ich zunächst nicht wusste, wo er herkam, sollte
ihn im Trauergottesdienst begleiten.
Ich fand im Gotteslob ein Gebet zu dem Spruch und die dazugehörigen
Noten. Der Organist bot sich an, den Text zu singen und
mit der Orgel zu begleiten. Das Gebet sollte gemeinsam mit
den Gläubigen gesprochen werden. Wir druckten Lieder
aus und ein feierliches "Heilig, heilig, heilig, heilig
ist der Herr" von Franz Schubert wurde gesungen. Zum
Schluss das von Hans geliebte Marienlied "Maria breit
den Mantel aus".
Ein Titelbild zum Trauergottesdienst wollte uns nicht so
recht einfallen. Wir suchten unter Fotos, Bildern, Zeichnungen
usw. bis unser Sohn mir zum Schluss ein Buch hinhielt -
Die Malerei des 20. Jahrhunderts -, das ihm einmal Hans
geschenkt hatte. Er blätterte sehr schnell mit dem
Gedanken - auch hier finden wir nichts.
Ich rief plötzlich "Halt". Ich hatte das
Bild höchstens eine Sekunde erblickt. Ich wusste: das
war es.
Eine Schwalbe, die zum Himmel aufstieg und die Seele aus
dem Körper hinwegtrug. Es war ein Bild von Max Ernst.
Nachher fragte ich unseren Sohn, wie das Bild betitelt sei.
Er schaute nach und wir erschraken: "Nach mir der Schlaf!"
Nun wusste ich immer noch nicht, wo der Spruch herkam,
aber auch das sollte sich aufklären.
Eine Nachbarin hatte mir eine große Freude gemacht
indem sie mir liebevoll einen Klavierauszug von der Bach-Kantate
zum 2. Ostertag zu dem Vers 29 aus dem Lukasevangelium -
Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der
Tag hat sich geneigt - kopiert hatte.
Es war also das Evangelium von den Emmausjüngern, die
Auferstehungsgeschichte Jesu.
Es konnte jetzt kein Zufall mehr sein.
Hans war bei Gott
Was nach der Beerdigung geschah lesen
Sie im Februar.
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